# Nocturne
## SERA
Die Musik trifft mich wie eine Faust.
Nicht die Art von Musik, die man hört. Die Art, die man spürt. Tief im Brustkorb, zwischen den Rippen, dort, wo das Herz sich zusammenzieht, wenn es Gefahr wittert. Der Bass rollt durch den Boden, kriecht mir die Beine hoch, vibriert in meinen Fingerspitzen, während ich das Tablett fester umklammere.
Das Nocturne ist nicht einfach ein Club. Es ist ein Versprechen. Eines, das man besser nicht annimmt.
Schwarzer Marmor, schwarzer Samt, schwarzes Leder. Als hätte jemand die Nacht selbst eingefangen und in Architektur gegossen. Die Decke verschwindet im Dunkel — so hoch, dass die Scheinwerfer wie ferne Sterne wirken, die ihr Licht in schmalen Kegeln auf die Tanzfläche werfen. Goldene Akzente blitzen hier und da auf: die Rahmen der Spiegel hinter der Bar, die Armaturen der Waschbecken, die Knöpfe an den Samtsofas im Loungebereich. Alles kalkuliert. Alles inszeniert.
Und überall Menschen, die so tun, als gehörten sie hierher.
Du tust das auch, Sera. Du tust nur so, als würdest du hierher gehören.
Ich schlängle mich zwischen den Tischen hindurch, balanciere vier Gläser Champagner auf dem Tablett und präge mir jedes Detail ein. Die Gesichter. Die Gespräche, die ich in Fetzen aufschnappe. Die Männer in den maßgeschneiderten Anzügen, die sich über Tische beugen und mit gesenkten Stimmen sprechen. Die Frauen, die zu schön sind, um echt zu sein, und zu gelangweilt, um glücklich zu sein.
Drei Wochen habe ich gebraucht, um diesen Job zu bekommen. Drei Wochen Recherche, ein gefälschter Lebenslauf, eine erfundene Referenz von einem Restaurant in München, das es nicht mehr gibt. Drei Wochen, um einen Fuß in die Tür zu bekommen, hinter der Berlins exklusivste Clubszene ihre Geschäfte macht.
Mein Artikel wird alles verändern. Davon bin ich überzeugt.
Wenn du lange genug überzeugend lügst, fängst du an, dir selbst zu glauben.
Ich stelle den Champagner an Tisch sieben ab. Lächle. Professionell, nicht zu freundlich. Die vier Männer in ihren Anzügen bemerken mich kaum — ich bin Inventar, Teil der Kulisse. Genau so will ich es.
Aus dem Augenwinkel beobachte ich den VIP-Bereich. Abgetrennt durch einen Vorhang aus schwarzem Samt, bewacht von einem Mann, der aussieht, als würde er Betonmauern mit bloßen Händen einreißen. Dahinter — das weiß ich von den Grundrissen, die ich online gefunden habe — liegen die privaten Lounges, eine separate Bar und eine Treppe, die nach oben führt. Zu den Büros. Zu den Räumen, über die niemand spricht.
Dort passiert es. Was auch immer ES ist.
„Sera!" Maries Stimme schneidet durch den Bass. Sie steht hinter der Bar, den Shaker in der Hand, und nickt Richtung VIP. „Tisch zwölf braucht Nachschub. Whisky, dreimal, pur. Und mach schnell, die werden ungeduldig."
Mein Magen zieht sich zusammen. Tisch zwölf. Das ist hinter dem Vorhang.
„Klar", sage ich, als wäre es nichts.
Marie gießt den Whisky ein. Drei Gläser, bernsteinfarben, ohne Eis. Ich bemerke, dass ihre Hände leicht zittern. Ob vor Erschöpfung oder Nervosität, kann ich nicht sagen.
„Pass auf dich auf da drin", murmelt sie, ohne mich anzusehen.
Bevor ich fragen kann, was sie meint, ist sie schon beim nächsten Kunden.
Der Sicherheitsmann am Vorhang mustert mich. Kurzer Blick auf mein Tablett, kurzer Blick auf mein Gesicht. Dann tritt er zur Seite. Kein Wort. Keine Miene. Der Vorhang riecht nach schwerem Parfum und etwas Metallischem, das ich nicht einordnen kann.
Dahinter ist die Luft anders. Dichter. Wärmer. Als hätte jemand die Klimaanlage abgestellt, damit sich die Körperwärme der Menschen anstaut. Die Beleuchtung ist noch gedämpfter als draußen — nur einzelne Spots über den Tischen, der Rest in tiefe Schatten getaucht. Die Sofas hier sind breiter, die Polster weicher, der Abstand zwischen den Tischen größer. Privatsphäre, die man sich kaufen kann.
