# Kein Signal
## LINA
Der Navi-Punkt verschwindet, als hätte das Dorf beschlossen, mich nicht finden zu lassen.
Ich tippe auf den Bildschirm. Nichts. Kein Signal. Kein GPS. Nur eine schmale Straße, die sich durch hügelige Wiesen schlängelt, und rechts und links Kirschbäume, so viele Kirschbäume, dass es aussieht, als hätte jemand Wolken auf die Erde gepflanzt.
Weiß. Rosa. Blütenblätter auf meiner Windschutzscheibe.
Ich schalte den Scheibenwischer ein, und sofort bereue ich es. Die Blüten verschmieren zu einem feuchten Streifen. Als würde ich etwas Schönes zerstören. Schon wieder.
Du hättest öfter kommen sollen.
Der Gedanke sitzt in meinem Brustkorb wie ein Stein. Seit Wochen. Seit dem Anruf. Seit der Notar mit ruhiger Stimme gesagt hat: "Ihre Großmutter hat Ihnen das Haus vermacht." Als wäre es eine Formalität. Als wäre Oma Hildes Tod eine Sache, die man in einen Briefumschlag steckt.
Ich blinzle. Konzentrier dich auf die Straße, Lina.
Der BMW fühlt sich falsch an auf dieser Straße. Zu breit. Zu tief. Zu glänzend. Links ein Graben, rechts ein Maisfeld. Die Federung ächzt über jede Unebenheit, und ich spüre, wie meine Highheels auf dem Gaspedal rutschen. Hätte Sneaker anziehen sollen. Aber ich bin direkt aus dem Büro losgefahren. Blazer, Pumps, eine Mappe mit Bauzeichnungen auf dem Rücksitz. Mein Leben in München, verpackt in einem Kofferraum.
Wann warst du das letzte Mal hier?
Weihnachten. Vor zwei Jahren. Nein. Drei. Drei Jahre. Ich habe Oma Schokolade mitgebracht und bin zwei Tage geblieben. Zwei Tage von dreiundsechzig Monaten. Ich habe jedes Mal gesagt: Nächsten Monat komme ich wieder. Nächsten Monat.
Es gab keinen nächsten Monat.
Ich biege um eine Kurve, und da ist es. Ein Schild, verwittert, grüne Schrift auf weißem Grund: Kirschberg – 400 Einwohner – Bitte langsam fahren.
Darunter hat jemand mit roter Farbe gekritzelt: Hier passiert nix, aber schön ist es trotzdem.
Ein Lachen kämpft sich in meine Kehle. Oder ein Schluchzen. Ich bin mir nicht sicher.
Die Hauptstraße ist keine richtige Hauptstraße. Sie ist gepflastert, schmal, gesäumt von Häusern mit Holzbalkonen und Blumenkästen. Geranien, rot und weiß. Ein Gasthaus mit einem Schild: "Zum goldenen Hirsch – seit 1897". Eine Bäckerei mit beschlagenen Fenstern. Eine Kirche mit einem Zwiebelturm, der in den Himmel sticht wie ein steinerner Finger.
Es riecht nach frischem Brot. Selbst durch die geschlossenen Fenster des Autos riecht es nach frischem Brot.
Ich fahre langsam. An einem alten Mann, der auf einer Bank sitzt und mir nachschaut. An einer Frau, die einen Kinderwagen schiebt und winkt. Ich winke nicht zurück. Ich weiß nicht, ob sie mich meinen oder einfach jeden grüßen, der hier durchfährt.
Wahrscheinlich jeden.
Omas Haus liegt am Ende des Dorfes. Die letzte Straße, die in einen Feldweg übergeht. Ich erkenne es sofort, obwohl sich alles verändert hat. Oder vielleicht, weil sich nichts verändert hat.
Ein Holzhaus. Dunkelbraun, die Balken fast schwarz vor Alter. Ein Giebel mit geschnitzten Herzen. Ein Garten, der einmal ein Garten war und jetzt ein kleines Wildnis-Kunstwerk ist. Stockrosen, mannshoch, in Rosa und Weiß und einem dunklen Violett, das fast schwarz aussieht. Gras, das mir bis zu den Knien gehen würde. Und mittendrin, wie ein Wächter, der alte Kirschbaum.
Er steht da, als hätte er auf mich gewartet.
Ich parke den BMW auf dem Kiesweg. Der Kies knirscht unter den Reifen. Zu laut für diesen stillen Ort.
Der Schlüssel. Ich hole ihn aus meiner Handtasche. Ein Kuvert vom Notar, darin ein einzelner Schlüssel an einem verblichenen Lederband. Oma hat ihn immer um den Hals getragen. Ich erinnere mich. Als Kind habe ich daran gezogen und gefragt, was er aufschließt. "Alles, was zählt", hat sie gesagt.
Ich steige aus. Meine Highheels bohren sich sofort in den Kies. Ich schwanke. Halte mich am Autodach fest. Fluche leise.
