# Die Hochzeit
## YVONNE
Lena weint.
Nicht das schöne, dezente Weinen aus den Filmen. Das echte Weinen. Das mit roter Nase und verschmierter Mascara und einem Schluckauf, der klingt wie ein erschrockener Frosch.
"Ich heirate", schluchzt sie. "Ich heirate wirklich."
"Du heiratest wirklich", sage ich. Halte sie fest. Streichle ihr über den Rücken. Mein Kleid wird nass von ihren Tränen, aber das ist okay. Dafür sind beste Freundinnen da.
Wir stehen auf dem Hotelbalkon. Letzter Abend des JGA. Morgen fliegen die Mädels zurück nach Deutschland. Morgen endet das Chaos aus Cocktails und Karaoke und Lenas Reden, von denen es inzwischen sieben gibt.
Und morgen fahren John und ich zum See.
Der Gedanke sitzt unter meiner Haut wie ein Summen. Leise, konstant, unmöglich zu ignorieren. Seit wir es beschlossen haben, vor zwei Nächten auf diesem Balkon, ist es da. In jedem Blick, den wir tauschen. In jeder zufälligen Berührung. In der Art, wie er mich ansieht, wenn er denkt, ich bemerke es nicht.
Alles, habe ich gesagt. Diesmal will ich alles.
Und er hat alles gesagt. Leise. Wie ein Versprechen, das man nur im Dunkeln macht.
Lena löst sich von mir. Wischt sich die Augen. Schaut mich an.
"Du fährst morgen mit ihm zurück."
Es ist keine Frage.
"Ja."
"Zum See."
"Ja."
"Allein."
"Ja, Lena."
Sie mustert mich. Ihre Augen sind rot, aber der Blick dahinter ist scharf. Lena sieht immer alles. Selbst betrunken, selbst verheult, selbst mit Tüllschleier im Haar.
"Du siehst anders aus", sagt sie.
"Wie?"
"Wie jemand, der aufgehört hat, sich zu verstecken."
Die Worte treffen. Nicht schmerzhaft. Tief. An einer Stelle, die ich lange zugedeckt hatte.
"Ist das gut?", frage ich.
"Das ist das Beste, was ich je an dir gesehen habe." Sie nimmt mein Gesicht in beide Hände. Lenas Hände, die riechen nach Sonnencreme und Prosecco. "Yvonne. Was auch immer zwischen euch passiert – es steht dir gut. Du leuchtst."
Ich schlucke. Meine Augen brennen.
"Und jetzt erzähl mir ALLES", sagt sie. "Ich meine es ernst. Von Anfang an. Jedes Detail."
"Lena –"
"JEDES DETAIL."
Um sechs Uhr morgens klingelt mein Wecker. Mein Kopf brummt. Zu viel Wein. Zu wenig Schlaf. Zu viel Lena, die bis zwei Uhr nachts Fragen gestellt hat, die mich abwechselnd zum Lachen und zum Erröten gebracht haben.
Ich stehe auf. Dusche. Ziehe mich an. Jeans, ein Top, meine weißen Sneakers. Kein Blazer diesmal, keine Maske.
Im Spiegel sehe ich eine Frau, die ich vor einer Woche nicht erkannt hätte. Braune Haut vom Meer. Haare, die salzverkrustet und wild sind. Augen, die leuchten. Lena hat recht. Etwas hat sich verändert.
Nicht etwas. Jemand.
John wartet unten. Der Landrover steht vor dem Hotel, Motor aus, Fenster offen. Er lehnt an der Fahrertür. Er trägt ein weißes T-Shirt zu Jeans, die Sonnenbrille ins Haar geschoben, die Arme verschränkt. Und da ist es wieder, dieses Grübchen.
"Bereit?", fragt er.
Zum dritten Mal diese Frage. Beim ersten Mal, in Berlin, war die Antwort Nervosität. Beim zweiten Mal, als wir den See verließen, war es Trauer. Jetzt ist es etwas anderes.
"Bereit", sage ich. Und meine es.
Er nimmt meine Tasche. Ich steige ein. Der Landrover riecht immer noch nach Leder. Nach ihm. Nach Erinnerungen, die sich in die Sitze gebrannt haben.
Der Motor startet. Split gleitet an uns vorbei. Die Morgensonne liegt auf den weißen Häusern. Das Meer glänzt. Möwen schreien.
"Wie lange bis zum See?", frage ich.
"Sieben Stunden. Vielleicht acht."
Ich lege meine Hand auf seine. Auf dem Schalthebel. Wie beim letzten Mal.
"Dann erzähl mir was", sage ich. "Egal was."
Er schaut mich an. Kurz, aber lange genug. In seinen Augen liegt etwas Neues. Nicht das Verlangen von vorher. Etwas Ruhigeres. Etwas, das aussieht wie der Anfang von etwas, das größer ist als eine Woche am See.
