# Der einzige Platz
## LENA
Es gibt Montage, die fühlen sich an wie ein persönlicher Angriff des Universums.
Dieser hier ist so einer.
Erst hat mein Wecker beschlossen, dass 6:30 Uhr offenbar eine optionale Empfehlung ist. Dann hat die Kaffeemaschine ihren Geist aufgegeben — einfach so, ohne Vorwarnung, ohne das Recht auf ein letztes Wort. Und dann die U-Bahn: zwölf Minuten Verspätung am Dammtor, eingequetscht zwischen einem Mann, der nach nassem Hund riecht, und einer Studentin, die so laut telefoniert, dass ich jedes Detail ihrer Trennung mitbekomme. Er hat das Meerschweinchen behalten. Sie das Netflix-Passwort.
Ich stolpere die Treppe zum Hörsaal B4 hoch, außer Atem, mit nassen Haaren und ohne Kaffee, und schiebe die schwere Holztür auf. Die Vorlesung hat noch nicht begonnen, aber der Hörsaal ist voll. Klinische Psychologie: Vertiefung — meine Lieblingsveranstaltung, und das einzige Fach, für das ich bereitwillig um sieben aufstehe. Normalerweise.
Mein Blick fliegt über die Reihen. Dreihundert Plätze, gefühlt dreihundert besetzt. Die hinteren Reihen, wo Mila und ich normalerweise sitzen — voll. Die mittleren Reihen — voll. Die vorderen Reihen, die niemand freiwillig betritt, weil Professor Weidemann die Angewohnheit hat, Leute in der ersten Reihe direkt anzusprechen — fast voll.
Ein einziger Platz ist frei.
Dritte Reihe, ganz links, direkt neben —
Nein. Nein, nein, nein.
Finn Reuter sitzt da, als würde ihm der ganze Hörsaal gehören. Zurückgelehnt, ein Bein lässig ausgestreckt, die Arme vor der Brust verschränkt, dieses unerträgliche Halb-Grinsen im Gesicht, das wahrscheinlich bei fünfundneunzig Prozent der weiblichen Studierendenschaft funktioniert.
Bei mir funktioniert es nicht.
Bei mir funktioniert es ganz sicher nicht.
Mein Handy vibriert. Mila:
Sorry!! Stau auf der A7. Bin in 20 Min da. Sitz schon mal ohne mich ❤️
Ich schaue auf den einzigen freien Platz. Schaue auf mein Handy. Schaue zurück.
Mila, der einzige freie Platz ist neben Reuter.
Drei Punkte. Dann:
LOL. Viel Spaß 😂
Ich werde sie ermorden. Langsam, methodisch, mit klinisch-psychologischer Präzision. Aber das muss warten.
Ich gehe die Stufen hinunter, den Blick geradeaus, als würde mich der Platz nicht stören. Meine nassen Sneakers quietschen auf dem Linoleum. Eine Studentin in der zweiten Reihe sieht mich mitleidig an. Ich setze mich.
Finn dreht den Kopf. Langsam, wie in Zeitlupe, als hätte er alle Zeit der Welt. Seine dunklen Augen finden meine, und sein Grinsen wird breiter.
„Kastner."
„Reuter."
„Schön, dass du es noch geschafft hast. Ich dachte schon, ich müsste den Platz für dein Ego freihalten, aber das scheint ja heute kompakter unterwegs zu sein."
Ich presse die Lippen zusammen. Nicht reagieren. Nicht auf sein Level begeben. Du bist eine erwachsene Frau. Du studierst Psychologie im fünften Semester. Du kannst menschliches Verhalten analysieren und einordnen.
„Und ich dachte", sage ich, weil ich offenbar doch nicht so erwachsen bin, „dein BWL-Hörsaal wäre in Gebäude C. Verlaufen? Soll ich dir eine Karte zeichnen? Kleine Bilder, große Buchstaben?"
Er lacht. Leise, tief, und das Geräusch rollt durch mich hindurch wie etwas Warmes.
Nicht warm. Nervig. Das Geräusch ist nervig.
Das ist das Problem mit Finn Reuter. Er lässt sich nicht provozieren. Er genießt es. Und wenn er lacht, hat sein Gesicht die Unverschämtheit, Grübchen zu bekommen. Zwei Stück. Links und rechts. Wie bestellt.
„Wahlmodul", sagt er und tippt auf seinen Laptop. „Klinische Psychologie. Dachte, ich lerne mal, wie Leute wie du ticken."
Ich will etwas erwidern, aber dann bewegt er sich, nur minimal, und sein Knie berührt meines unter der schmalen Klapptisch-Konstruktion, die diese Hörsaalplätze als Schreibfläche tarnt.
Ich zucke zurück, als hätte mich etwas verbrannt.
Er bemerkt es. Sein Blick gleitet zu meinem Knie, dann zurück zu meinen Augen. Etwas in seinem Gesicht verändert sich. Nicht das Grinsen. Etwas dahinter. Etwas, das zu schnell verschwindet, als dass ich es einordnen könnte.
